Finnland, die Zweite - oder aber: "Schon wieder???"

Es soll ja Menschen geben, die haben Glück im Leben. Und ich kann zum Glück sagen, dass ich ja schon manchmal dazu gehöre. Denn wie lässt es sich sonst erklären, dass ich zweimal in einem Jahr die Gelegenheit bekomme nach Finnland zu reisen. Ich mag meinen Job.

Die Mission für die Reise umfasste zwei Städte: Rovaniemi und Tallinn. Und da alle einfachen Möglichkeiten leicht bisschen teuer waren (Ein Flug von Tallinn nach Rovaniemi kostete schlappe 2000 Euro) entschieden wir uns für die kostengünstigere Variante mit Helsinki als Ankerpunkt.

In der Praxis sah das dann so aus:

  1. Samstag: Flug nach Helsinki
  2. Eine Nacht in Helsinki
  3. Sonntag: Fähre nach Tallinn
  4. Mittwochmorgen: Fähre nach Helsinki
  5. Mittwochnachmittag: Flug von Helsinki nach Rovaniemi
  6. Samstag: Flug von Rovaniemi nach Helsinki
  7. Eine Nacht in Helsinki
  8. Sonntag: Rückflug nach Deutschland :(
Was für manche vielleicht ein bisschen stressig wirkt, aber es hat wirklich Spaß gemacht. Einziger Minuspunkt: Eine gezerrte Schulter vom Stemmen des immer schwerer werdenden Rucksacks.
Vor allem Fähren in nordischen Gewässern erweisen sich ja immer wieder als unterhaltsam.


Helsinki, Katajanokka. Fährhafen der Viking Line. Sonntagmorgen, 11:00 Uhr.

Während die Stadt so langsam erwacht und mal wieder feststellt, dass sie einen extremen Kater hat und sich schwört, bei der nächsten Flasche Koskenkorva ein bisschen kürzer zu treten, stehen im Wartesaal des Fährhafens Helsinki-Süd schon die ersten Fahrgäste an. Das heisst, es stehen nicht alle: Ein finnischer Jüngling liegt friedlich schlafend auf dem Boden. Auch eine Art zu warten. Nur blöd, dass er so fest schläft, dass der begleitende Kumpel ihn nicht wecken kann. Auch nicht mithilfe der Security die dann irgendwann auf den Plan gerufen wurde. Und letzten Endes fährt die Fähre dann ohne ihn ab. Und er dann wahrscheinlich statt nach Tallinn, in die Ausnüchterungszelle. Dumm gelaufen...

Und was lernen wir daraus? Die ganze Nacht saufen und dann auf der Fähre nach Tallinn weiter saufen wollen, kann schiefgehen.

Generell gilt: Auf den Fähren befinden sich meist drei Arten von Menschen:
  • Diejenigen, die von A nach B müssen
  • Senioren, die Karaoke singen, saufen und Spielautomat zocken möchten
  • Diejenigen, die einfach nur saufen
Der Hintergrund wird einem klar, nachdem man mal in Finnland ein Bier bestellt hat (die untere Preisklasse bewegt sich bei ca. 6 Euro/500 ml). Auf den Fähren ist es dann ein bisschen billiger und wenn man dann in Estland nüchtern genug zum Aussteigen ist, dann kann man mal locker 40%-50% abziehen.


Eine Fähre ist also quasi eine schwimmende Kneipe - Reiseziel, egal. Aussteigen, überflüssig. Es sei denn man hat noch andere Gelüste. Zitat Taxifahrer in Tallinn: "Seitdem unser Bürgermeister die Bordelle geschlossen hat der Tourismus um 40% nachgelassen". Autschn.

Doch zurück zur Fähre. Man hat die Wahl zwischen Spielmaschinen, Tanzfläche, Karaoke und dem Fährenshop. Natürlich kann man auch an Deck gehen, aber da hat man selbst im Hochsommer nach einiger Zeit das Gefühl man könne sein gefrorenes Gesicht mühelos absetzen und in eine Ecke stellen. Am besten zwischendurch mal kurz raus und kurz vor dem Gefrierpunkt wieder ins Warme.

Es ist mittlerweile 12:00 Uhr und wir erkunden das Schiff. Beim Karaoke ist noch relativ wenig los, aber im Dance Palace ist die Tanzfläche schon ziemlich voll. Rock n Roll. Auf der MS Viking steppt der Bär.

Etwas später kommt beim Karaoke dann auch so langsam Stimmung auf. Es ist recht dunkel in der Viking Bar. Die meisten sitzen mit unbewegter Miene vor ihren Gläsern. Auf der Bühne singt ein finnischer Opa. Natürlich auch mit unbewegter Miene. Er heisst Juhani, teilt uns der Monitor mit. Und Juhani legt sich mächtig ins Zeug. Vor der Bühne beginnen ein paar zu tanzen. Die Stimmung steigt. Wir bekommen Durst und ich gehe zur Bar. "Zwei Wasser, bitte". Peinlich, peinlich, aber ist immerhin gerade erst Mittag und ich bin nicht auf einem Festival. Trotzdem komme ich mir vor, als würde ich negativ auffallen. Denken sicher alle, wir hätten so wenig Kohle, dass wir noch nicht mal auf der Fähre saufen können.

Auf der Karaoke-Stage wechseln sich bekannte Gesichter ab. Es scheint als gäbe es nur drei, die schon genügend intus haben um sich auf die Bühne zu trauen. Juhani macht seinen Comeback und singt einen Tango. Wunderbar. Falls es jemand nicht bekannt ist: finnischer Tango ist nämlich ein Ding. Ein recht großes Ding; es gibt sogar Tango Meisterschaften.

Dann betritt ein neues Gesicht die Bühne. Und wir lernen: Heini ist in Finnland wohl ein Frauenname (und Autocorrect meint jedoch "Frauenwald" wäre hier das angebrachte Wort). Wir lernen sowieso jede Menge. Vor allem lustige finnische Wörter, die wir vom Monitor ablesen. Wie zum Beispiel "Tähtivyö". Wir notieren es um später die Muttersprachler damit zu konfrontieren, denn Google Translate gab mal wieder nur sehr kryptische Informationen von sich.


Nach der eingängigen Beobachtung des allgemeinen Treibens an Bord, geht es in den Fährenshop. Für Lakritzliebhaber ein Paradies. Ich bin zwar keiner, aber ich schleppe nach jeder Nord-Reise immer mindestens 2-3 kg Lakritz mit nachhause. Davon landen 90% bei Herrn Analphase (als Bestechung, damit er bei mir wohnen bleibt) und der Rest bei anderen Lakritzsüchtigen. Ich bin ja sehr sozial und aufopfernd, auch wenn das manchmal angezweifelt wird. 

Für alle nicht-beschenkten Lakritzsüchtigen würde ich natürlich die ganzen Sorten gerne beschreiben, aber dazu müsste ich es ja probieren. Pfui, bäh. Also nur ein paar Bilder von den Highlights:

Lakritzpfeifen
Salmiakki
Und für mich: Ein Muumi Kühlschrankmagnet
Die Rückfahrt war dann ein bisschen weniger ereignisreich. Nachdem wir das Ablegemanöver beobachtet hatten und eine Aggro-Möwe mit quengelnder Baby-Möwe gesehen hatten, schliefen wir, gemütlich in ein Schiffsfenster gekuschelt, erstmal ein. Waren ein bisschen müde und verkatert. Womit wir unter den anderen Fahrgästen dann nicht so auffielen.

Grüße von der Aggro-Möwe mit Nachwuchs

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