Estland - Mittelalter, Holzhäuser und ein random Estonian guy

Beim Durchstöbern alter Beiträge stieß ich auf ein uneingelöstes Versprechen: Ich wollte von meinem ersten Estland Besuch berichten. Tja, was man nicht so alles verspricht...

Nun war nicht nur ein zweites Mal dort, sondern auch ein bisschen länger als nur einige Stunden und kann somit mit viel fundierteren Estland-Kenntnissen meinen damals versprochenen Beitrag schreiben.

Wieder war ich nur in Tallinn, aber aufgrund der doch etwas beschränkten Größe des Landes, scheint man dort schon den Größtteil der estnischen Bevölkerung anzutreffen (über die Hälfte, meine ich sogar). Die sich dann auch noch alle kennen. Oder einen kennen, der jemanden kennt. Oder aus dem gleichen Ort kommen.

Kleines Estland ist klein.

Beispiel A
"Ich habe zuhause eine Platte einer ganz netten Folk-Metal Band aus Estland"
"Echt, wie heißen die denn?"
"Metsatöll"
"Ah, die... Der Drummer von denen wohnt bei mir im Haus."

Beispiel B
"Und, wo warst du am WE?"
"Ich war bei unserer Ferienhütte. Das ganz am anderen Ende von Estland, im Süden. So ca. 200 km."

Beispiel C
"Och, in Tallinn kennt man ja die meisten aus dem Parlament. Mit einigen war ich sogar auf der Schule."

Beispiel D
Random Estonian Guy (merkt ihn euch, er wird nochmal auftauchen) quatscht uns an. Nach drei Minuten stellte sich heraus: Er ist aus der gleichen Stadt, wie unsere estnische Begleiterin und war auf derselben Schule.

Ye olde Tallinn

In Tallinn gibt es ja bekannterweise (und mir ist jetzt egal wie bekannt das jetzt ist - ich wusste es und damit basta) einen sehr schönen mittelalterlichen Stadtkern.
Rathausplatz
Und da das eben bekannt ist kommt auch jede Menge Leute her (also zumindest die, die nicht zum Saufen oder Vögeln kommen). Eine Tatsache, die wiederum den Tallinnern (Tallinesen? Tallinniten?) bekannt ist und welche sie verständlicherweise gewinnbringend nutzen.
Man beachte den Super-Mario Stern rechts
Super-Mario Sterncheeeeen!
Deshalb ist die Altstadt neben aller Schönheit auch ziemlich touristisch und um den Raekoja plats (Rathausplatz) tummeln sich Restaurants mit einem Kostüm-Hansel davor, der sich Mühe gibt sehr mittelalterlich zu wirken und damit Gäste anzulocken. Manche mögen ja durchaus auf so etwas aus sein, aber mein Ding ist das ja weniger. Souvenirgeschäfte gibt es dann auch wie Sand am Meer. Besondere Spezialität: Bernstein. Was lustig ist, wenn man weiß, wie mir eine estnische Bekannte erzählte, dass in Estland Bernstein nicht wirklich häufig ist, sondern eher in Lettland und Litauen vorkommt. Losgelöst davon gibt es aber auch sehr schöne Souvenir-Läden mit Kunsthandwerk in denen sich der Besuch dann trotzdem lohnt.

Kalamaja

Wer sich dann an der Altstadt satt gesehen hat, dem rate ich einen Abstecher nach Kalamaja, ein Viertel im Nordwesten, fußläufig von der Altstadt zu erreichen. Es ist ein bisschen schwer zu beschreiben, man könnte vielleicht sagen es geht so ein bisschen Richtung Prenzlauer Berg. Es sieht auf den ersten Blick etwas abgekackt aus. Alte Holzhäuser die schon bessere Tage gesehen haben und alte Fabriken aus der Sowjet-Ära. Doch hinter der Fassade (die ich persönlich aber auch ganz nett finde) findet sich jede Menge an originellen Restaurants und Kneipen. Und in einer dieser Kneipen trafen wir dann... Trommelwirbel:


Random Estonian Guy

Am letzten Abend waren wir zusammen ein bisschen unterwegs. Das Tallinner Nachtleben erkunden und so. Und landeten irgendwann in einer ziemlich coolen kleinen Kneipe (von der ich natürlich den Namen vergessen habe). Und als wir da so lustig zusammensaßen, stand ER plötzlich da und fragte ob er sich zu uns gesellen dürfe. Wir meinten es wäre ja ein freies Land. Die Aufforderung reichte und er setzte sich. Am Anfang war es noch recht normal. Man stellte fest, wie oben erwähnt, dass er und unsere Bekannte aus derselben Stadt kamen und auf derselben Schule waren. Es stellte sich allerdings auch heraus, dass er zehn Jahre nach ihr auf jener Schule war.

Dies führte uns natürlich zu der Frage, wie alt (bzw. wie jung) er denn wäre. Dann ging es los. Random Estonian Guy hatte nämlich auf alles eine Antwort. Und in den meisten Fällen lautete diese: "Does is matter?!". Ich kann leider hier nicht den Tonfall wiedergeben, irgendwo zwischen gelangweilt und angenervt aber mit dem Versuch ganz cool und mysteriös zu klingen. Wir wiesen ihn darauf hin, dass wir alle drei unser Alter kannten und auch des Rechnens fähig wären, was uns ja erlauben würde sein Alter zumindest grob einzugrenzen. Aber: "Does it matter?". Na ja...

Die Schule blieb Thema. Es wurden Lehrergeschichten ausgekramt. Random Estonian Guy war der Meinung einer der Lehrer wäre pervers gewesen. Ein bisschen geschockt fragten wir nach Details. Random Estonian Guy ließ durchblicken, dass er den Mann für schwul hielt. Was uns natürlich zu der berechtigten Frage führte was zum Fick denn daran pervers sein soll. Antwort: "Does it matter?!"

Damit war das Thema auch abgeschlossen. Das nächste Thema wählte er dann aus. Mit einem bewundernswerten Feingefühl kam er auf den zweiten Weltkrieg zu sprechen. Bravo, mein Junge!

Aber wir sind ja nett und lassen andere an unserer Weisheit teilhaben. Deshalb teilten wir ihm mit, dass das jetzt nicht gerade das Thema ist mit dem man deutschen Mädels eine Freude macht. Er ruderte zurück. In die falsche Richtung: Sowjet-Ära. Also genau das Thema was wahrscheinlich den meisten estnischen Mädels nicht so die Freude macht. Unsere estnische Bekannte merket allerdings nur trocken an, er wäre ja damals wahrscheinlich eh noch in Papas Sack geschwommen. Die Reaktion? "Does it matter?!"

Irgendwann machte die Kneipe dann zu. Und was macht man so als Typ, nachdem man sich zu drei Mädels gesetzt hat, die schon in der Pubertät waren, als man selber noch nicht schreiben konnte und die einem dann schon so ein bisschen klar gesagt haben, dass sie einen so ein bisschen blöde finden (mal ganz abgesehen von dem ihm unbekannten Fakt, dass wir alle vergeben sind)? Richtig! Man fragt wer denn jetzt noch zu einem nachhause mitkommen würde.

Natürlich keine (Überraschung, Überraschung).

Also erzählte er uns zum Abschied noch, dass es voll eklig ist, wenn Mädels rauchen. Wir wollten dann noch ein bisschen nett sein (wenn er schon so nett ist, höhöhö) und fragten nach seinem Namen. Mit einem pikierten "Does it matter?!" zog er dann von dannen und wurde zu Random Estonian Guy. Estland ist sicher stolz auf ihn.
Inschrift in einer der drölfzig Kirchen. Man interpretiere es wie man will...
Das Fenster war sehr überrascht mich zu sehen
That's my Library!

Der Beweis: Ich habe auch gearbeitet!

Wenn ich nicht gerade auf der Stadtmauer gechillt habe

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